Fantasie- und Rollenspiele: Ich bin ein Gepard, Mama!

    Unser Großer wechselt mehrmals am Tag seine Identität: von Gepard-Junges, über Katzenmama bis Löwenpapa, aber gern auch Kindergartenfreunden, großen Geschwistern, kleinen Babys, Erzieherinnen oder bekannten Hexen ist so ziemlich alles dabei. Und wehe ich vergesse, was gerade vor mir steht! Manche finden es befremdlich. Ich bin es gewöhnt. Und finde es prima. Denn, wie ich erfahren habe, die Welt der Fantasie ist für die geistige Entwicklung sehr kostbar.
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    "Ich bin ein Tiger, Mama!" Fantasie und Rollenspiele bei Kindern. Foto (c) Nico Thoms

    Rollenspiele fordern und fördern

    Unser erstes Haustier zog ein, als der Große etwa 2 Jahre alt war. Ein Hund. Er hatte keinen besonderen Namen, holte gern Stöckchen und hatte so manche Vorteile. So musste ich nie Hundefutter besorgen oder bei Regengüssen Gassi gehen. Nur ausgewählten Menschen zeigte sich dieser Hund, und auch nur zu ausgewählten Zeiten.

    Es war unsere Begegnung mit dem ersten Fantasie-Tier in unserem Elterndasein. Schon kurze Zeit später nahm unser Großer selbst verschiedene Identitäten an. Zu Beginn war er mit Vorliebe selbst ein Hund. Ja, es gab die einen oder anderen merkwürdigen Blicke, wenn ich für mein Kind einen Stock wegwarf, welcher mit aufgeregtem Gebell kurz darauf apportiert wurde. Innerlich wehrte ich mich auch heftig gegen den ausdrücklichen Wunsch des Kindes, an die Leine genommen zu werden. Es war der Moment, an dem ich verstand, warum Eltern mit Prinzessinnen und Superhelden auch einkaufen gehen.

    Wie so oft – leider – war die Fantasie und diese Rollenspiele eher eine Herausforderung für mich, wenn wir die eigenen vier Wände verließen. Denn zugegebener Maßen macht es mir auch Spaß, als Gepard-Mama oder Wildpferd durch den Alltag zu galoppieren. Und es erspart viel Diskussionen, wenn der “Hund” gebadet werden soll – und nicht das große Kind 🙂

    Wie ein Ritterschlag ereilte mich dann der weise Ratschlag eines Bekannten, Psychologe von Beruf: “Rollenspiele machen Kindern nicht nur Spaß, sie fördern auch verschiedene soziale Fähigkeiten.” Na, wenn das so ist. Noch ein guter Grund, ruhig öfter selbst mitzuspielen.

    Im Netz bin ich zu diesem Thema bei einer Ausarbeitung von Helga Andresen hängen geblieben, in der sie den aktuellen Forschungsstand zum “Erzählen und Rollenspiel von Kindern zwischen drei und sechs Jahren” zusammenfasst. (Das ist ein PDF.) Sie untermauert fein, was mein bekannter Psychologe schon sagte: Rollenspiele seien prima für die sprachliche Entwicklung. Das Beispiel ist einleuchtend: Wenn eine Zimmerecke sich ein Schloss verwandelt, reicht es nicht einfach nur den Finger drauf zu halten und “da” zu sagen. “Schloss”, “groß”, “Tor”, “Ritter” und “Prinzessinnen” sehen wir ja nicht, also müssen sie benannt werden. Schön nachzulesen ab Seite 18. Nebenbei wird auch gleich das Gedächtnis der Kleinen trainiert. Und wenn Mama, Papa oder Geschwister mitspielen sollen – und manchmal nicht wollen – wird fleißig kommandiert, kooperiert und boykottiert. Das wiederum zahle alles wunderbar in “Kooperativität”, “Sozialkompetenz”, “Handlungsplanung und Handlungskontrolle” ein.

    Ungewöhnliches weckt Forscherdrang

    Neulich stolperte ich dann in der Gehirn & Geist über den Beitrag “Wie Fantasie Kindern beim Lernen hilft”. Da heißt es, dass Ungewöhnliches schon im Säuglingsalter den Forscherdrang wecke. So wenden sich in Versuchen die Kleinen meistens den Gegenständen intensiver zu, die sich anders als gedacht verhalten. Sprich, ein Gegenstand der nicht nach unten, sondern nach oben “fällt” oder durch eine Wand kullert statt davor zum Stehen zu kommen. Die Schlussfolgerung der Autoren:

    “Unerwartetem schenken Kinder offenbar besondere Aufmerksamkeit. Gemäß einer Theorie, die meine Kollegen und ich 2014 aufgestellt haben, hilft Fantasie Kindern deshalb beim Lernen, weil sie ihre volle Konzentration und Aufmerksamkeit fordert – ein realitätsnahes Szenario schafft das nicht im selben Ausmaß.”

    Übersetzt für die Rollenspiele könnte das bedeuten, dass die geheimnisvollen Welten voller Drachen, Einhörner, Dinosaurier und Feen auch deshalb spannend und wichtig sind, weil darin die Grenzen der realen Welt(en) getestet werden können.

    Oder aber, um diese Grenzen für einen Moment zu umgehen. Der Große weiß sehr wohl, dass es nicht das andere Kind auf dem Spielplatz schubsen darf. Aber wenn ein Gepard gerade eine Antilope jagt… Tja Mama, was sagst du nun? Denken tut sie dann hin und wieder: “Schach matt.” Hat ja niemand gesagt, dass mit Rollenspielen alles einfacher wird, oder?

    In einem Gespräch in der ZEIT mit den Psychologen Dorothy und Jerome L. Singer über die Kreativität von Kindern und das Spiel geht es um die Sorge, Kinder würden sich in den Fantasiewelten – gerade von Computerspielen – verlieren und damit die Fähigkeit, Ausgedachtes von Realem zu unterscheiden. Es ist ein recht kurzes, lesenswertes Interview, in dem schnell klar wird, dass es keine Pauschalempfehlung gibt. Es hängt vom Kind und seinem Umfeld ab. Aber im Grunde sei das Wesen von Fantasiespielen gerade die Unterscheidung zwischen realer und fiktiver Welt. “Die Kinder müssen herausfinden, wann sie aufhören sollten (einen Gepard zu spielen). So lernen sie, sich selber zu regulieren.”

    Der Fantasiebonus

    Deena Weisberg steigt in dem Artikel in der Gehirn & Geist direkt mit der These ein, dass Forscher die Bedeutung der Fantasie für die kognitive Entwicklung lange unterschätzt hätten. Sie schreibt: “Anfang des 20. Jahrhunderts gingen Psychologen davon aus, unser Vorstellungsvermögen diene allein unserer eigenen Unterhaltung und berge keinen tieferen Sinn. Kinder müssten ihre Fantasiewelt hinter sich lassen, um zu mündigen Erwachsenen zu werden. Diese Sichtweise hat sich inzwischen grundlegend gewandelt: Kindliche Spiele werden nicht mehr als nutzlos, sondern ganz im Gegenteil, als essenziell für die Entwicklung angesehen.”

    Neue Experimente sollen sogar darauf hinweisen, dass Kinder mehr Wissen über die reale Welt erwerben, wenn es in fantastische statt in realistische Geschichten eingebettet ist. Diesen Gedanken finde ich total spannend!

    In dem ZEIT Interview mit den Psychologen Dorothy und Jerome L. Singer wird in jedem Fall der enge Zusammenhang zwischen Fantasiespielen und Kreativität deutlich. Es beginnt mit einem Kind auf einer Schaukel. Es freut sich über die Bewegung. Dann verwandelt sich die Schaukel mit einem Mal in ein Raumschiff, das abhebt. Das Fazit der Psychologen:

    “Wer lernt, solche inneren Bilder zu entwickeln, behält diese Fähigkeit ein ganzes Leben lang, er kann ein sehr kreativer Mensch werden.”

    Warum wir (bislang) keine Doktorspiele oder die bekannten “Vater-Mutter-Kind” Rollen einnehmen, weiß ich nicht. Stattdessen sind Tiere schwer in Mode: von der Bache über afrikanische Wildtiere bis zum Schlanklori (ruhig mal googeln, die sind echt witzig) ist alles dabei. Wie es das bei euch?

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